Wege zum sozialen Frieden in Europa
Sozialcharta
zu Osnabrück
1998
Präambel
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner sehen in dem historischen
Friedensschluß, welchen die Städte Münster und Osnabrück mit dem Jubiläum "350
Jahre Westfälischer Friede 1998" feiern, ein Ereignis, das auch für die Zukunft
eines sich neu gestaltenden Europas von großer Bedeutung ist. Der historische
Friedensschluß beendete einen langen und brutalen Krieg auf dem Verhandlungswege und
begründete mit dem Vertragstext eine Friedensphase, basierend vor allem auf den neu
formulierten völkerrechtlichen Grundlagen staatlicher Souveränität.
Die soziale Krise in Europa
Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Charta, nehmen das
Jubiläum "350 Jahre Westfälischer Friede 1998" zum Anlaß, uns mit der Frage
des sozialen Friedens auseinanderzusetzen und einen Sozialen Stabilitätspakt für
Europa vorzuschlagen.
Die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union erleben seit
nunmehr zwei Jahrzehnten, daß
- die Krise auf dem Arbeitsmarkt nicht überwunden wird, in vielen Staaten insbesondere
die Jugendarbeitslosigkeit auf einem erschreckend hohen Niveau verharrt,
- die Chancengleichheit von Frauen auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor nicht gegeben ist,
- das produzierte Einkommen in den Volkswirtschaften Jahr für Jahr ungleicher verteilt
wird,
- die Konzentration der Vermögen zunimmt,
- in Mitten der Gesellschaft viele Bürgerinnen und Bürger unterhalb der Armutsgrenze
leben müssen, das gilt insbesondere für ältere, alleinstehende Frauen sowie
alleinerziehende Frauen und deren Kinder,
- in denjenigen Städten und Regionen, wo sich mehrere dieser sozialen Mißstände
überlagern, die Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft wächst.
Die soziale Krise in Europa ist kein Naturereignis, sie ist das
Ergebnis von zwei Jahrzehnten neoliberaler Politik, die vom überwiegenden Teil der
Regierungen in der EU verfolgt wurde. In vielen EU-Staaten ist es auch in den 90er Jahren
nicht gelungen, auf den Arbeitsmärkten eine Wende einzuleiten, um dem
Vollbeschäftigungsziel näherzukommen. Im Gegenteil: durch eine Finanzpolitik, die vor
allem auf die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte ausgerichtet war, und eine
Geldpolitik, die einseitig das Ziel der Geldwertstabilität verfolgte, wurden in Europa
das Wachstum gebremst und die Beschäftigungskrise verfestigt. Folge der anhaltenden
Massenarbeitslosigkeit war eine Schwächung der Gewerkschaften und damit eine Politik der
Einkommensumverteilung von unten nach oben sowie eine Sozialpolitik, die die sozialen
Sicherungsnetze zunehmend weitmaschiger knüpfte. Nur in wenigen Ländern ist es gelungen,
auf der Basis innovativer Politik einen wesentlichen Abbau der Arbeitslosigkeit zu
erreichen.
Es ist nicht auszuschließen, daß sich die Politik des Lohn- und
Sozialabbaus mit der Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion verschärft. Mit dem
Wegfall des Wechselkursmechanismus als Anpassungspuffer geraten die nationalen
Arbeitsmärkte und Sozialsysteme in einen stärkeren Wettbewerb.
Das Ziel: eine Europäische Wirtschafts- und Sozialunion
Wir begrüßen die Integration Europas als Basis für ein friedliches
Zusammenleben der Völker, teilen aber die Auffassung, daß dies nur gelingen kann, wenn
sich die Europäische Union nicht nur zu einer Wirtschafts- und Währungsunion, sondern
auch zu einer Sozialunion weiterentwickelt. Mit dieser Sozialcharta wollen wir Wege zum
sozialen Frieden in Europa aufzeigen und die inhaltliche Auseinandersetzung über eine
Sozialunion neu beleben.
Sozialpolitik muß Vorrang in der Europäischen Union erhalten, wobei
die wichtigsten Ziele sind:
- Sinnvolle und existenzsichernde Arbeit für alle Menschen in der EU,
- Bildung, Erziehung und soziale Sicherheit für alle Menschen in der EU,
- Auf- und Ausbau des sozialen Dialogs zwischen den Sozialpartnern,
- Förderung der Gleichheit zwischen Männern und Frauen,
- soziale und ökologische Nachhaltigkeit als Maxime wirtschaftlichen Handelns,
- eine humane und integrationsfördernde Einwanderungs- und Asylpolitik der EU,
- friedliches Zusammenleben der Völker und Kulturen innerhalb und außerhalb der EU.
Wir fordern die EU-Staaten und die Sozialpartner auf, die Wirtschafts-
und Währungsunion durch einen Sozialen Stabilitätspakt zu ergänzen. Dieser Pakt sollte
vor allem auf den Feldern der Beschäftigungs-, der Umwelt-, der Lohn- und der
Sozialpolitik einen Wandel einleiten.
Beschäftigungspolitik
Zur Überwindung der Beschäftigungskrise ist eine neue, auf der
europäischen Ebene abgestimmte makrökonomische Politik erforderlich. Die Geld- und die
Fiskalpolitik ist stärker auf Beschäftigungswachstum auszurichten. Der finanzpolitische
Stabilitätspakt im Rahmen der Wirtschafts- und Währungsunion darf sich nicht als
Hemmschuh für eine stärker beschäftigungsorientierte Politik erweisen.
Diese neue makroökonomische Politik sollte begleitet werden von
- einer Lohnpolitik, die die Spielräume ausschöpft, die das Produktivitätswachstum
bietet,
- einer Forschungs- und Bildungspolitik, die die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft
verbessert,
- einer Arbeitsmarkt- und Arbeitszeitpolitik, die die Beschäftigungsintensität des
Wachstums fördert.
Durch eine europäische Strategie für eine Neuausrichtung der Geld-,
Finanz-, Lohn-, Forschungs- und Arbeitsmarktpolitik kann es bereits in kürzerer Frist
gelingen, die Massenarbeitslosigkeit in Europa deutlich zu reduzieren. Langfristig bleibt
Vollbeschäftigung unser Ziel.
Ökologische und soziale Nachhaltigkeit
Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und soziale Gerechtigkeit sowie
der Erhalt ökologischer Systeme sind die großen gesellschaftlichen Herausforderungen in
Europa auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. In einem nachhaltigen Europa muß sichergestellt
werden, daß alle drei Bereiche gleichgewichtig entwickelt werden. Ohne den Schutz der
natürlichen Umwelt ist eine Lösung der "sozialen Frage" nicht möglich. Daher
müssen die vielfältigen vorhandenen Ansätze zur ökologischen Steuerung
weiterentwickelt und erprobt werden mit dem Ziel, die Anreize zu einem schonenden Umgang
mit den natürlichen Ressourcen stetig zu erhöhen.
Hierzu ist es notwendig, sowohl europaweit Umweltschutzziele auf einem
hohen Niveau als auch dezentrale Verfahren zu vereinbaren und umzusetzen, die den nötigen
Spielraum für innovative und problemangemessene Lösungen bieten. Eine zukunftsfähige
Gesellschaft erfordert daher die Integration von ökologischen und sozialen Belangen in
allen Politikbereichen sowie den intensiven Dialog der verschiedenen Interessengruppen
darüber, wie eine nachhaltige Entwicklung gefördert werden kann.
Lohnpolitik
Um zu vermeiden, daß unter den Bedingungen der Wirtschafts- und
Währungsunion eine Lohnpolitik durchgeführt wird, die entweder die ökonomische
Leistungsfähigkeit der schwächer entwickelten EU-Staaten überfordert oder die Standards
in den reicheren Ländern unter einen erhöhten Anpassungssdruck setzt, ist eine
Koordinierung der Tarifpolitik auf der europäischen Ebene erforderlich. Nur so ist zu
erreichen, daß die unterschiedlichen nationalen und sektoralen Unterschiede im
Produktivitätswachstum in der Lohnpolitik berücksichtigt und Wettbewerbsverzerrungen
zwischen den EU-Staaten verhindert werden. Zur Verwirklichung dieses Zieles müssen die
Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände zügig die Kompetenzen in der Tarifpolitik
zwischen der nationalen und der europäischen Ebene verknüpfen. Dazu muß eine
Sozialrechtsordnung unter Einschluß eines grenzüberschreitenden Koalitionsrechtes
geschaffen werden.
Sozialpolitik
Die Sozialpolitik darf nicht länger in der fast ausschließlichen
Kompetenz der Nationalstaaten verbleiben. Die Verankerung sozialer Grundrechte und
Gemeinschaftsziele in den europäischen Verträgen bleibt auf der politischen
Tagesordnung. Für die Arbeitsumwelt, die Arbeitsbedingungen und Partizipationsrechte sind
soziale Mindeststandards auf der europäischen Ebene festzulegen.
Nach der Einführung des Euro ist eine koordinierende europäische
Politik auch für die sozialen Sicherungssysteme zu entwickeln. Für diese Aufgabe liegen
bislang unterschiedliche Konzepte vor, z. B. das Modell der
"Sozialschlange" und das Korridormodell. Die EU-Staaten müssen sich dringend
darüber verständigen, auf welchem Wege die europäischen Sozialstaatsmodelle verteidigt
und weiterentwickelt werden sollen. Nach der Einführung der gemeinsamen Währung sind
nationalstaatliche Lösungen in der Sozialpolitik unzureichend geworden. Auf EU-Ebene muß
wettbewerbsinduzierten Abbauprozessen in den sozialen Sicherungssystemen der
Mitgliedsstaaten entgegengewirkt werden.
Sozialkonferenzen und Sozialgipfel
Wir fordern die EU-Staaten auf, schon im kommenden Jahr einen
Sozialgipfel des Europäischen Rates einzuberufen, um den Weg zu einer Europäischen
Wirtschafts- und Sozialunion festlegen. Erforderlich sind:
- Konvergenzziele für die Beschäftigungs-, Sozial- und Umweltpolitik,
- ein Sanktionssystem bei Nichteinhaltung der Konvergenz,
- eindeutige Zeitvorgaben,
- Übergangs- und Aufnahmekriterien für alle beitrittswilligen Länder.
In Vorbereitung dieses europäischen Sozialgipfels könnten in den
einzelnen EU-Staaten lokale, regionale und nationale Sozialkonferenzen stattfinden, an
denen die Sozialpartner, die politischen Parteien, die Wohlfahrtsverbände,
Nicht-Regierungsorganisationen und Experten der Beschäftigungs-, der Lohn-, der Umwelt-
und der Sozialpolitik zu beteiligen wären. Die Ergebnisse dieser nationalen Konferenzen
müßten auf der europäischen Ebene zusammengefaßt und schließlich dem Europäischen
Rat in Vorbereitung des Sozialgipfels als Arbeitsgrundlage zugeleitet werden.
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner werden sich in ihrem
jeweiligen Einflußbereich bzw. in ihren jeweiligen Arbeits- und Lebenszusammenhängen
nachdrücklich für die Einführung einer Europäischen Wirtschafts- und Sozial Union
(EWSU) einsetzen, die die Mittel- und Osteuropäischen Staaten (MOE) mit einschließen
soll.
Verabschiedet auf dem Kongreß "Wege zum
sozialen Frieden in Europa" am 14.11.1998
Kongressbüro
c/o ARBEIT UND LEBEN
Neuer Graben 39
D - 49074 Osnabrück
Ich unterzeichne die am 14.11.98 verabschiedete "Sozialcharta zu Osnabrück"
(bitte in Blockbuchstaben schreiben)
Name/Vorname: ........................................................................
Funktion/Organisation:..............................................................
Unterschrift.............................................. |
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