Ausgabe: März 1999
Der Europäische Sozialfonds in Österreich
Einen Überblick über Projekte des
ESF der ersten Antragsrunde 1995 in der Alpenrepublik gibt die Broschüre
Gemeinschaftsinitiative Employment Integra. Relativ
ausführlich werden darin auch die jeweiligen Kooperationsprojekte
aus den anderen Mitgliedstaaten beschrieben. Die Bereiche der Maßnahmen
gliedern sich in
- Entwicklung neuer Konzepte für Ausbildungs-,
Beratungs- und Orientierungssysteme
- Entwicklung von Ausbildungsmodellen und Durchführung
neuer Methoden
- Schaffung von Arbeitsplätzen durch Förderung
von lokalen Beschäftigungsinitiativen
Kontakt: Gemeinschaftsinitiativen
und Programme der EU. Karl Schweighofergasse 1/5. A-1070 Wien. Ph:
+43.(0)1.5247370. e-mail: ademploi@gip.or.at
Der Europäische Sozialfonds in Deutschland
Umfangreiche Informationen über
die Arbeit im Rahmen des Europäischen Sozialfonds finden sich auf
der internet-site des Europabureaus für Projektbegleitung (efp).
Allgemeine Angaben werden gemacht zur Zielsetzung und Arbeitsweise
des Fonds, seiner Anwendung in der Bundesrepublik Deutschland und
die Arbeit der Projekte vor Ort. Hilfreich ist vor allem auch die
Unterteilung nach thematischen Schwerpunkten, wie etwa (Frauen,
Rassismus, Berufsbildung).
Kontakt:efp. Endenicher Straße 125. FRG 53115
Bonn. Ph: +49.(0)228.98599-20/21. Telecopie: +49.(0)228.98599-80.
URL: http://www.efp-bonn.de.
Strukturfonds ein zweichneidiges Schwert
Ohne Zweifel ist der Strukturfonds das wichtigste
Mittel der EU-Sozialpolitik auf einer festen institutionellen
Grundlage, mit erwähnenswerten Ressourcen ausgestattet und auf ein
weites Feld politischer Maßnahmen zielend ermöglicht der ESF, Problemen
socialer Ausgrenzung auf verschiedenste Weise zu begegnen, umgekehrt:
sociale Integration in einem weiten Sinn zu fördern.
Allerdings ist verschiedentlich mit Recht darauf
verwiesen worden, dass es sich im Grunde um ein Arbeitsmarkt- und
Beschäftigungsinstrument handelt und nicht so sehr um ein solches
der Sozialpolitik im weiteren Sinn. Dies gilt nun mehr denn je,
wenn wir dieses Instrumentarium in den weiteren Rahmen der EU-Schwerpunktsetzung
einordnen, wie sie durch den Luxemburger Sondergipflel im November
1997 und die Beschäftigungsleitlinien ergibt. Mehr noch, in diesem
Kontext besteht die Gefahr, den ESF zu einem Instrument der Repression
umzuwandeln. Wenn die Betonung auf Erhöhung der Beschäftigungsverwendbarkeit
und Anpassungsfähigkeit gelegt wird, bedeutet dies, dass die Opfer
zu Tätern gemacht werden und Änderungen nur wenig mehr als kosmetische
Wirkung haben. Der geforderte Wandel von passiven zu
aktiven Maßnahmen, das Ziel, Arbeitsanreize
für Erwerbslose zu scahffen, die vorgeschlagene Aktivierung
von Sozialleistungen, wie sie in den Beschäftigungsleitlinien
für 1999 vorgestellt werdens vernachlässigen die Tatsache, dass
schlicht nicht genügend gute, angemessen bezahlte Langzeitarbeitsplätze
zur Verfügung stehen. Und der Beschäftigungsbericht 1998 verdeutlicht
gerade diese Tendenz: Möglichkeiten, eine workfare-Strategie zu
entwickeln, wurden schnell aufgegriffen; Impulse einer Politik,
die wirklich auf soziale Integration zielen, sind aber nur zögerlich
entwickelt.
Auch wenn der ESF beansprucht, eben mehr zu sein,
als die generelle EU-Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, so
folgt er doch in der einen oder anderen Weise eben den Beschäftigungsleitlinien.
© Peter Herrmann, ESOSC
European Network Occupational Social Work Europäische
Integration als Herausforderung für die Betriebssozialarbeit
Immer wieder wird die Ökonomielastigkeit des Europäischen
Integrationsprozesses beklagt zu Recht, wenn einmal davon
absieht, daß in vielen Darstellungen übersehen wird, daß selbst
diese Ökonomieorientierung durchaus auch das Soziale beinhaltet,
wenn auch freilich eher in der Form einer manchester-kapitalistischen
Variante des Friß-oder-Stirb. Aber soziale Professionen
sollten nicht nur die eine Seite sehen und eine konsequente Sozialpolitik
fordern, die diesen Namen wirklich verdient. Eine solche Sozialpolitik
hätte das Soziale als eigenständigen Wert, mehr noch: als eigentlichen
Bezugspunkt allen politischen und ökonomischen Handelns zu nehmen.
An anderer Stelle (unterlegter link zu Amsterdamer Erklärung in
diesem newsletter xyz) des newsletters wird ausführlicher auf diesen
Bereich eingegangen. Wie gesagt, dies ist wichtig und in der sozialpolitischen
Diskussion sollte dies sicherlich auch im Mittelpunkt stehen.. Gleichwohl,
eine andere Seite sollte nicht vergessen werden und diese ist
wenn auch nicht ausschließlich, so doch in besonderem Maß
von der Sozialarbeit/Sozialpädagogik auszugreifen. Ökonomie ist
mit bekanntlich Arbeitsplätzen verbunden nicht nur mit deren
Schaffung, Erhaltung und leider auch dem Abbau, sondern auch mit
Fragen der Arbeitsbedingungen, des sog. Betriebs- und Arbeitsklimas
etc. Und hier stellt eben die Ökonomie- und namentlich Beschäftigungsorientierung
des Integrationsorientierung eine oft unterschätzte Herausforderung
für die Sozialarbeit dar. Viele der Fragen, die mit der Arbeitsmarktorientierung
zusammenhängen, betreffen unmittelbar die Betriebssozialarbeit.
Dies zeigt sich auch bei einem Blick auf jüngere
Veröffentlichungen und Aktivitäten der EU. Folgende Hinweise geben
nur einen Ausschnitt aus den Veröffentlichungen einschlägiger Dokumente
aus der letzten Zeit:
Von der Kommission, GD V:
- Stress prevention in the workplace Assessing
costs and benefits to organisations
- Preventing absenteeism at the workplace
- Time constraints and Autonomy at Work in the
EU
- User-friendly Indicators of Working Conditions
in the EU
- Preventing Racism at the Workplace
- European Compendium of Good Practice for the
Prevention of Racism at the Workplace
- EU-Health monitorin programme (1997 - 2001)
Von der Europäischen Stiftung für die Verbesserung
der Lebens- und Arbeitsbedingungen, Dublin:
- Employee direct Participation in Organisational
Change (EPOC) Conceptualising Direct Participation in Organisational
Change
- Direct Participation viewed by the Social Partners
in Europe
- Indicators on the Working Environment in the
EU
- Precarious employment
- Closing the gap Ideas and Practice. Direct
Participation in Organisational Change
- A guide to information sources on European industrial
relations.
Das Europan Network Occupational Social Work
(ENOS) hat sich dieser Aufgabe verschrieben. In der Satzung,
Artikel 2 heißt es: "Das Ziel von ENOS besteht darin, Betriebssozialarbeitern
in Europa die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch hinsichtlich Erfahrungen,
Fachkenntnissen, Befähigungen und Ideen aus dem Bereich der Betriebssozialarbeit,
wobei der jeweilige kulturelle Hintergrund der Mitglieder gewürdigt
wird.
Artikel 3 fährt fort: "ENOS wird sich den folgenden
Aufgaben widmen:
- Austausch von Ideen, Fachkenntnissen und Fertigkeiten
zwischen Betriebssozialarbeitern in Europa;
- Information über einschlägige Angelegenheiten,
wie beispielsweise: Stand der Betriebssozialarbeit in den Europäischen
Ländern, Sammlung von Aufgaben und Arbeitsbeschreibungen sowie
ebenfalls der verschiedenen feststellbaren Probleme, Veröffentlichung
von Informationen durch Mitteilungsblätter etc.
- Organisation von Versammlungen wie Tagungen,
Vorträgen, Arbeitskreisen und Excursionen mit dem Ziel, die berufliche
Identität der Betriebssozialarbeit erfahrbar zu machen."
(Übersetzung P.H.)
Neben der Gründungskonferenz traf sich das Netzwerk
z.B. zur Behandlung folgender Themen:
- Soziale Wohlfahrt in Unternehmen. Betriebssozialarbeit
in einer interdisziplinäeren Perspektive
- Betriebssozialarbeit im Sog der Reorganisation
- Betriebssozialarbeit in der Vorbereitung von
vorzeitigen Ausscheiden von Arbeitskräften, Verrentung und Frühverrentung
- Soziale Kohäsion am Arbeitsplatz.
Erwähnenswert ist sicherlich, daß ENOS die Aktivitäten
nicht auf die Mitgliedstaaten der EU begrenzt. So finden sich auch
Mitglieder aus der Schweiz, Norwegen und Israel in dem Netzwerk.
Kontakt: SV-Service. Betriebliche Sozialberatung.
Verena Hufschmid. Postfach. CH-8032 Zürich. Ph: +1.385.5312. Telecopie:
+1.385.5308
Rezension
Adalbert Evers/Thomas Olk (Hrsg.): Wohlfahrtspluralismus. Vom
Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft; Opladen: Westdeutscher
Verlag, 1996: 374 Seiten; ISBN 3-431-12741-1
Der rechte Ort und die rechte Mischung Wohlfahrtspluralismus
als Lsung für Trägerfragen im Sozialbereich.
Es ist schon eine interessante und herausfordernede
Zeit, in der wir leben. Einerseits finden wir eine immer weiter
um sich greifende Zentralisation und Konzentration politischer Entscheidungen
dies gilt auf nationaler Ebene ebenso wie durch internationale
Verhandlungs- und Entscheidungssysteme, für die EU nur ein (wenn
auch herausstechendes) Beispiel darstellt. Andererseits und
durchaus in engem Zusammenhanmg damit wird immer wieder die
Frage nach den Kräften vor Ort, nach den Potentialen der dezentralen
Ebene angesprochen; auch hier wiederum läßt sich auf die EU verweisen,
die mit der Verankerung des Subsidiaritäts-Prinzips im Primärrecht
zumindest versucht hat, eine Antwort zu finden. Weiterreichende
Vorkerhungen finden sich beim Europarat sowie den Vereinten Nationen
mit den Festlegungen bezüglich der Einebziehung von NROs.
In die Reihe der Annäherungen an dieses Thema findet
saich auch die von Evers und Olk herausgegebene Schrift, die unter
zwei Gliederungspunkten ein weites Spektrum diskutiert; der Blickj
wird gerichtet auf I. das Konzept und die theoretische Fundierung
des Wohlfahrtspluralismus und II. wohlfahrtspluralistische Engagements
in unterschiedlichen Politikbereichen. Beigetragen haben AutorInnen
aus verschiedenen Ländern, womit auch unterschiedliche gesellschaftliche
und sozio-kulturelle Hintergreunde einbezogen werden.
Das Konzept bewegt sich auf einem dritten Weg zwischen
einer "in der Nachkriegsära zunächst vorhherrschende[n] Staatsfixiertheit
gesellschafts- und sozialpolitischer Modernisierungsdiskurse und
strategien" und einem später "rasanten Aufstieg
marktliberalen Denkens" (10). Ausgangspunkt sind die behaupteten
"politischen Auseinandersetzungen um eine gute
bzw. gerechte Ordnung sowie um die Ausgestaltung sozialpolitischer
Strategien komplexer und vielschichtiger und traditionelle Spannungslinien
zwischen wohletablierten und organisierten Interessen durch zum
Teil quer zu traditionellen Fronten verlaufende Spannnungs- und
Konfliktlinien" (11) Vor diesem Hintergrund, so sehen Evers
und Olk in der Einleitung, "(zeichnet sich" unterhalb
der Oberfläche allfälliger Abbau-, Privatisierungs und Deregulierungsstrategien
wohlfahrtsstaatlicher Leistungen (
) in sämtlichen westlichen
Ländern eine grundsätzliche Neuordnung institutioneller Arrangements
wohlfahrtsstaatlicher Systeme ab, die auf eine Pluralisierung von
Institutionen und Akteuren der Wohglfahrtsproduktion jenseits von
Markt und Staat sowie auf eine Stärkung von Gemeinsinn, bürgerschaftlicher
Mitwirkung und Selbsthilfe hinauslaufen." (ibid.)
Wohlfahrtspluralismus gewinnt somit in analyitischer
sowie normativ-politischer Perspektive Bedeutung. Eine wesentliche
Schwierigkeit besteht nun darin, die Unterschiedlichkeit verschiedener
nationaler Strukturen mit dem allgemeinen Konzept in Verbindung
zu setzen, d.h. durch die bestehenden unterschiedlichen Strukturen
das allgemeine Grundmuster eines Wohlfahrtspluralismus herauszuarbeiten,
wobei es sich dabei um einen heuristischen Analyserahmen mit Blick
auf allgemeine Gesellschaftspolitik sowie Sozialpolitik handelt.
Freilich sollte nicht übersehen werden, dass diese scheinbar grundlegende
Neuordnung um eine uralte Fragestellung sich dreht: diejenige der
"situativ angepassten Rekombinationsformen bezahlter professioneller
Dienstleistungen mit unbezahlter Eigenleistung" (20) und damit
die Erzielung des "Passungsverhältnisses" (ibid.) von
individueller und gesellschaftlicher Wohlfahrtsperspektive. Das
eigentlich Neue ist dann wohl auch, dass "aslle diese genannten
zentralen Entwicklungstrends wohlfahrtspluralistischer Arrangements
(
) sich zudem als Herausforderungen an die Gestaltungsoptionen
staatlicher Politik verstehen (lassen). (33) In anderen Worten:
was sich im Rahmen der allgemeinen politischen und sozio-kulturellen
Auseinandersetzungen vormals eher zufällig (soweit man
diesen Begriff überhaupt in der gesellschaftsanalytischen Perspektive
verwenden sollte), zumindest doch in strägischer Sicht ungeplant
herausgebildet hat, wird nun auf die Agenda bewußten politischen
und gesamtplanerischen Handelns und Zusammenwirkens aller politischen
Akteure gehoben.
Obwohl die Neuartigkeit des Konzeptes
sicherlich überbetont wird, bietet die Einführung doch einen fundierten
und weitreichenden Überblick über die derzeitigen strukturellen
Herausforderungen und Perspektiven wohlfahrtspolitischer Entwicklung.
Die folgenden Beiträge gehen vor allem auf die Perspektiven
aus jeweiliger nationaler Sicht ein: Interessant Pinkers
neue Sicht auf Beveridge und Titmuss, die gängige Lesarten infrage
stellt und bei ersterem einen gewissen Antiinstitutionalismus feststellt
und die Ablehnung wohlfahrtspluralistischer Konzepte durch Titmus
hervorhebt. Sein Blick auf die heutigen Auseinandersetzungen vor
allem auch innerhalb Labours weisen auf Spannungslinien zwischen
strategischen Orientierungen und Unterordnung unter kurzfristige,
scheinbar unausweichliche Zwänge angespannter Haushaltslagen. In
der Schlußforlgerung wird Wohlfahrtspluralismus als eine Form
der Schadensbegrenzung angesehen
, in der Unzulänglichkeiten
des einen Typs von Theorien und Politiken mehr oder weniger durch
die Stärke der anderen kompensiert werden. (77) Salamon
weist nach, dass staatliche Wohlfahrtsprogramme in den USA keineswegs
zur Verdrängung des Freiwilligensectors geführt haben, sondern umgekehrt
gerade zu seiner Stärkung geführt haben. Seine Analyse ist sicherlich
von besonderem Wert in der aktuellen Diskussion um Möglichkeiten,
Freiwilligenorganisationen im Rahmen einer staatlichen Rückzugsstrategie
zu mißbrauchen und unter dem Deckmantel eines fehlgeleiteten Subsidiaritätsprinzips
einen Abbau öffentlicher sozialer Sicherungssysteme einzuleiten.
Die Erfahrungen aus der amerikanischen Perspektive lassen manche
wichtige Erkenntnisse für die Debatte in den Mitgliedstaaten der
EU und der EU insgesamt erwachsen. Die Vielfalt der Sichtweisen
soll hier nicht nachgezeichnet werden, denn wichtig sind Erläuterungen
zum französischen Konzept der economie sociale ebenso wie die Perspektive
auf holistische solidarische Ansätze (Genossenschaftssector),
Fragen der ganzheitlichen, sozio-ökologischen Perspektive ebenso
wie methodologische Fragen der vergleichenden Politikforschung.
Das Buch ist gerade deshalb von großem Wert, da
es wichtige Beiträge in der Diskussion um sich entwickelnde neue
governance-Strukturen im Mehrebenen-Prozeß der EU-Integration fundieren
kann. Freilich bleibt die Frage, ob sich eigentlich viel geändert
hat außer den Begrifflichkeiten? Denn eine historische Analyse zeigt,
dass wohlfahrtspluralistische Konzepte schon längst Praxis sind.
Geändert hat sich wohl in der Tat nur, dass diese jetzt zum strategisch-bewußt
zu gestaltenden Handlungsraum erhoben sind und zudem auf einer neuen
Ebene, eben jener der EU, zu entwickeln sind. © Peter Herrmann,
ESOSC
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